
Ein Läuten in der Nacht
Nach einem entspannten Abend daheim beginnt Helene ihren Nachtdienst in der TelefonSeelsorge um 22.00 Uhr. Bis 8.00 Uhr Früh wird sie nun für alle da sein, die die Notrufnummer 142 wählen.
Nach einem kurzen Übergabegespräch mit Informationen zu den Anrufen der vergangenen Stunden beginnt auch gleich ihr Dienst. Bei beiden Anrufen wird aufgelegt, sobald sich Helene meldet. „Wird ein männlicher Zuhörer gewünscht? Oder war es eine erste, ganz vorsichtige Kontaktaufnahme, um nur mal zu hören, wer sich da bei 142 meldet?“, fragt sich Helene. Beides kommt vor. Oft fassen Anrufer/innen erst nach ein paar Versuchen den Mut, sich zu melden und ihre Probleme auszusprechen. Helene ist neugierig, wie es weitergehen wird.
Das in warmen Farben eingerichtete Zimmer ist auf einen Innenhof gerichtet, kein Autolärm stört. Helene fühlt sich wohl in dem jetzt sehr stillen Raum, unzählige Nächte hat sie hier schon verbracht. Sie zündet eine Kerze an, lehnt sich zurück, sammelt sich. Sie ist bereit, sich auf die Anrufer/innen und ihre Nöte einzulassen. In der Nacht, so hat sie es schon häufig erlebt, werden Gedanken und Gefühle noch intensiver, drängender. Das Alleinsein ohne die Ablenkungen des Tages verstärkt Belastendes, die Ängste werden oft unerträglich. Daneben gibt es Anrufer/innen, die noch einen beruhigenden Zuspruch vor dem Schlafengehen brauchen, um sich dann erleichtert und für kurze Zeit entlastet zur Ruhe zu begeben.
Um 22.43 Uhr kommt ein solches Gespräch herein. In einem Gefühlsgewirr von Weinen und Lachen berichtet ihr die Anruferin alte und neue Enttäuschungen. Eine massive Erkältung erschwert ihr noch zusätzlich die Bewältigung des Alltags, der an sich schon einen Großteil ihrer Kräfte fordert. Dazu kommt die Angst, dass es nicht nur eine kleine Erkältung, sondern eine Coronainfektion sein könnte. Es gelingt Helene, die Anruferin zu beruhigen. Zum Schluss bedankt sich diese, weil ihr „endlich jemand zugehört hat“.
Nach Mitternacht bemühen sich Helene und ihre Kollegen/innen, bei den Anrufenden herauszufinden, was sie brauchen, um zur Ruhe zu kommen und schlafen zu können. Dafür versuchen sie die Gespräche eher kurz zu halten. Damit bleibt die Leitung für akute Notfälle frei. Das ist aber einer Anruferin, die sich um 2.15 Uhr meldet, nicht so einfach zu vermitteln.
Gerade als sich Helene selbst ein wenig ausruhen will, läutet es erneut. Ob es vielleicht möglich wäre, dass sie ihm ein paar Minuten ihre Aufmerksamkeit schenken könnte? Eine leise männliche Stimme, der die Erschöpfung anzuhören ist. Helene ist nun wieder hellwach, ihre ganze Aufmerksamkeit gilt dem Anrufer. Lange hätte er gedacht, er schaffe es alleine. Aber jetzt, es folgt eine lange Pause, jetzt geht es einfach gar nicht mehr. Der Anrufer berichtet von einem schon jahrelang unbefriedigenden Arbeitsverhältnis, ständigen Überstunden, kaum Zeit für sich selbst und die Familie. Er habe gedacht, dass sei eben normal, es ginge allen so. Zur Entspannung habe er oftmals zu viel getrunken, die Partnerin wollte es nicht mehr tolerieren. Oftmals hätte sie ihn aufgefordert, sich Hilfe zu holen. Und heute ist sie nach einer Auseinandersetzung einfach gegangen. Helene hört den Anrufer schlucken und mit den Tränen kämpfen. Sie kann seine Hoffnungslosigkeit und Trauer spüren.
Es wird trotz aller geschilderten Schwierigkeiten ein gutes Gespräch. Gefühle können wahrgenommen und ausgesprochen werden, der restliche Nacht und der morgige Tag „geplant“ und erste Ideen zur Veränderung abgewogen werden.
In den nächsten Stunden kann sich Helene sogar ein bisschen hinlegen, bis kurz vor 6.00 Uhr das Telefon wieder zu läuten beginnt. Müde, aber zufrieden, verlässt Helene für diese Woche die TelefonSeelsorge. Sie wird auch nächste Woche wieder am Telefon wachen, wenn Menschen mitten in der Nacht ein offenes Ohr brauchen.